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Sternengeschichten Folge 699: Die Monde des Dr. Waltemath

Shownotes

Sternengeschichten Folge 699: Die Monde des Dr. Waltemath

"Das Jahr 1898 scheint in den Annalen der Astronomie ein denkwürdiges Jahr zu werden. Es hat nicht nur bereits eine der erfolgreichsten totalen Sonnenfinsternisse erleben dürfen, sondern ein Hamburger Astronom hat auch die Entdeckung eines zweiten Mondes der Erde verkündet!"

So beginnt ein Artikel der am 24. März 1898 in einem amerikanischen Magazin erschienen ist. Die totale Sonnenfinsternis hat am 22. Januar 1898 stattgefunden. Aber was den zweiten Mond der Erde angeht, muss sich der Hamburger Astronom wohl geirrt haben. Denn der einzige Mond der Erde ist der, den wir immer schon hatten und auch jetzt noch haben. Aber die Frage nach diesem zweiten Mond und vor allem der Hamburger Astronom haben die Astronomie des frühen 20. Jahrhunderts noch eine Zeit lang beschäftigt. Es geht um Dr. Georg Wilhelm Waltemath. Er wurde am 24. August 1840 geboren und auch wenn er sich selbst gerne so bezeichnet hat und von diversen Medien immer wieder so bezeichnet wurde: Ein professioneller und wissenschaftlich ausgebildeter Astronom war er nicht. Aber er hat sich für die Astronomie interessiert und insbesondere für die Bewegung des Mondes. Mathematisch exakt zu beschreiben, wie sich der Mond um die Erde und beide um die Sonne bewegen, ist definitiv nicht einfach. Heute können wir das mit sehr genauen Computersimulationen lösen, aber damals konnte man nur rechnen, mit Stift und Papier. Das die Bewegung von mehr als zwei Körpern, die sich wechselseitig gravitativ beeinflussen, mathematisch nicht exakt gelöst werden kann, hat der französische Mathematiker Henri Poincaré erst 1890 bewiesen; aber es gibt natürlich diverse Näherungsmethoden, die aber höchst komplex und schwer anzuwenden sind. Die Geschichte dieser "Mondtheorie", wie man die Berechnung der Mondbahn genannt hat, hebe ich mir aber für eine andere Folge der Sternengeschichten auf, denn da gibt es überraschend viel zu erzählen. Für jetzt reicht es zu wissen, dass gegen des 19. Jahrhundert die beobachteten Positionen des Mondes nicht exakt mit den aus der Mondtheorie abgeleiteten Berechnungen übereingestimmt haben. Und Georg Waltemath fand das interessant. Er ging nicht davon aus, dass man es hier mit ungenauen Berechnungen zu tun hat. Sondern dass da etwas ist, was die Umlaufbahn des Mondes stört und so für die Abweichungen sorgt. Und dieses "etwas" ist ein zweiter Mond.

Aus heutiger Sicht klingt das ein wenig absurd, aber damals ist die Frage nach einem zweiten Erdmond in der Astronomie immer wieder aufgetaucht. Ich habe davon kurz in Folge 364 der Sternengeschichten erzählt, aber heute schauen wir uns das ein wenig genauer an. Schon 1846 hat der französische Astronom und Direktor der Sternwarte von Toulouse, Frédéric Petit, behauptet, einen zweiten Erdmond entdeckt zu haben. Seine Daten waren aber höchst unplausibel; dieser zweite Mond wäre erstens sehr klein gewesen und zweitens hätte er eine Bahn gehabt, die ihn bis auf wenig mehr als 11 Kilometer an die Erdoberfläche heran bringt. Aber immerhin hat es der Mond von Petit zu einem Gastauftritt in Jules Vernes Buch "Reise um den Mond" geschafft. Aber auch wenn niemand die Beobachtung von Petit bestätigt hat und auch kaum jemand in der Astronomie daran geglaubt hat, hat sich der Franzose nicht von der Idee abbringen lassen. Ein paar Jahre später hat er ein weiteres Mal die Existenz eines zweiten Mondes postuliert, diesmal aufgrund der Abweichungen zwischen der beobachteten und berechneten Position des Erdmonds am Himmel. Die Berechnungen waren so unzuverlässig wie beim ersten Mal und der Rest der Astronomie hat seine Arbeit weiterhin nicht ernst genommen. Aber vielleicht ist Georg Waltemath darauf gestoßen; vielleicht hat er die Idee auch unabhängig davon gehabt.

So oder so: Georg Waltemath war überzeugt, dass da ein zweiter Mond sein muss, dessen Einfluss erklärt, warum die Mondbewegung nicht mit den Berechnungen übereinstimmt. Er hat eine Umlaufzeit um die Erde von circa 177 Tagen, einen Durchmesser von 700 Kilometer und ist im Durchschnitt knapp über eine Million Kilometer von der Erde entfernt. 700 Kilometer - das ist nicht so groß wie der Mond den wir kennen, der immerhin einen Durchmesser von knapp 3500 Kilometer hat. Aber es ist auch kein winziger Felsbrocken und man fragt sich, warum niemand diesen zweiten Mond entdeckt hat. Das liegt daran, so Waltemath, dass der zweite Mond Sonnenlicht nur ganz schlecht reflektieren kann. Er ist dunkel und mit freiem Auge nicht zu sehen. Man braucht ein Teleskop und man muss genau wissen, wo man hinschauen muss, um ihn zu finden. Das ist zwar unpraktisch, aber es ist zumindest plausibel. Und es wäre noch viel plausibler gewesen, hätte Waltemath nicht ebenfalls behauptet, er hätte schon diverse Berichte von Leuten erhalten, die den zweiten Mond gesehen haben. Ein gewisser Herr Waller, ein Maler aus München und passenderweise ein Freund von Waltemath, soll den Mond am 16. Februar 1897 gesehen haben, als er direkt vor der Sonne vorüber gezogen ist. Und dann hat auch noch kein geringerer als Herr Postdirektor Ziegler aus Greifswald ein "merkwürdiges Phänomen" beobachtet, am 4. Februar 1898. Über diese Beobachtung wurde sogar ein Bericht in der Fachzeitschrift "Astronomische Nachrichten" veröffentlicht. "In den Mittagsstunden des 4. Februar wurde auf dem hiesigen Postgebäude ein merkwürdiges Phänomen vor der Sonne gesehen", beginnt der Bericht, den der deutsche Astronom Martin Brendel aufgeschrieben hat. Ein dunkler Körper wurde "dicht östlich der Sonne" bemerkt. Brendel merkt außerdem noch an, dass nicht nur der Postdirektor das Phänomen gesehen hat, sondern auch 11 weitere Personen, nämlich einige Familienangehörige und diverse Postbeamte. Aber gut, wenn ein gestandener preussischer Direktor etwas sieht, dann werden seine Untergeben und seine Familie ihm da vermutlich nicht widersprechen…

Waltemath war jedenfalls überzeugt von der Existenz seines zweiten Mondes. Er hatte allerdings Probleme, die Astronomie davon zu überzeugen. Magazine und Zeitungen haben seine Behauptungen gerne gedruckt, wie das von mir zitierte Beispiel zu Beginn dieser Folge zeigt. Aber die Fachwelt war skeptisch. Dabei hat Waltemath extra jede Menge Flugblätter und Schriften gedruckt, um die Wissenschaft zu informieren. Ein Beispiel davon aus dem Jahr 1898 beginnt mit den Worten "Aufruf an die Herren Astronomen und Freunde der Astronomie". Und geht weiter mit "Ein zweiter Mond der Erde. Die säkulare Beschleunigung der Mond-Bewegung in Länge ist bekanntlich um 5 Sekunden grösser, als sie nach der Störungs-Theorie aus den Einwirkungen der Planeten sein sollte und die Versuche, diese Acceleration zu erklären, sind bis jetzt nicht gelungen. Der Unterzeichner ist der Überzeugung, dass ein System kleiner Monde und Meteoriten die Beschleunigung herbeiführen. Thatsächlich ist auch am 11. Juni 1855 von Dr. Ritter, einem Lehrer der Polytechnischen Schule von Hannover, mit bloßem Auge ein runder schwarzer Körper beobachtet worden, der von rechts nach links an der Sonne vorüberging".

Und bald können sich die "Herren Astronomen" sowieso alle selbst von der Existenz des Mondes überzeugen. Denn, so die Berechnungen von Waltemath, am 30. Juli 1898 wird der Mond wieder direkt vor der Sonnenscheibe vorüber ziehen. Und vielleicht ist dem einen oder der anderen aufgefallen, dass in dem Zitat vorhin von einem "System kleiner Monde" die Rede war. Waltemath hatte seiner Meinung nach tatsächlich nicht nur einen zweiten Mond entdeckt, sondern auch noch einen dritten. Der soll mit 750 Kilometern ein wenig größer als der zweite sein, und noch dazu sehr viel näher, nämlich mit einem Abstand von 427250 Kilometern nur wenig weiter als der erste, also der "normale" Mond der Erde. Dieser Mond soll außerdem ein "wahrhafter Wetter- und Magnetmond" sein. Damit mein Waltemath, dass dieser Mond mit seinem Einfluss das Wetter der Erde beeinflusst und auch verantwortlich für diverse Wetterereignisse der Vergangenheit gewesen sein muss.

Nun ja. Am 30. Juli 1898 hat niemand den zweiten Mond gesehen und den dritten auch nicht. Und die Beobachtungen, die Waltemath selbst für seine Hypothese ins Feld führt, sind nicht so überzeugend, wie er vielleicht dachte. So gut wie immer geht es dabei nicht um Beobachtungen die in der Nacht gemacht worden sind, sondern um dunkle Flecken auf der Sonnenscheibe. Nur dass es eben keine Flecken auf der Sonne sind: Man sieht hier den zweiten Mond, wie er von uns aus gesehen gerade direkt vor der Sonne vorüber zieht. Und das ist auch nicht prinzipiell unplausibel. Es ist allerdings sehr schwer, Beobachtungen dieser Art zweifelsfrei zu belegen. Der Postdirektor aus Greifswald zum Beispiel, hat kein Teleskop gehabt. Sondern einfach mit freiem Auge zur Sonne geschaut. Dass das eher ungesund ist, muss ich hoffenlicht nicht extra erklären und dass da die Chancen gut stehen, alle möglichen dunklen Flecken irgendwo zu sehen, obwohl sie gar nicht da sind, ebenso. Das grelle Licht der Sonne ist nicht nur gefährlich für die Augen sondern kann auch alle möglichen optischen Täuschungen erzeugen. Und im Fall von Greifswald wissen wir auch, dass es sich um optische Täuschungen handelt. Denn Waltemath hatte - unter anderem - auch Ivo von Benko kontaktiert, Direktor der Sternwarte in Pola in Kroatien und gemeint, er solle zwischen 2. und 4. Februar die Sonne beobachten, weil da sein Mond vorbei kommen würde. Das hat von Benko auch gemacht, in aller astronomischen Sorgfalt und genau nichts gefunden. Was auch immer der Postdirektor in Greifswald gesehen hat, war mit Sicherheit kein zweiter Mond der Erde. Das hat der Herausgeber der Astronomischen Nachrichten auch mit Vermerk auf die Beobachtungen in Pola am Ende des von mir vorhin zitierten Berichts von Martin Brendel hinzugefügt. Und er merkt auch noch an: "Auf die Waltemath'sche Aufforderung, die wohl den meisten deutschen Sternwarten zugegangen ist, an dieser Stelle näher einzugehen, dürfte sich nicht der Mühe verlohnen, da die Grundlagen seiner Rechnung einer strengeren Kritik nicht Stand zu halten vermögen".

Und das ist aus meiner Sicht auch der relevante Punkt an dieser Geschichte. Es spricht nichts dagegen, neue, originelle, revolutionäre oder vielleicht sogar verrückte Ideen zu haben. Manchmal sind es genau diese Ideen, die die Wissenschaft voranbringen. Den Unterschied zwischen Beobachtung und Berechnung durch den Einfluss eines bis dahin unbekannten zweiten Erdmondes zu erklären, ist prinzipiell ok. Es ist keine unphysikalische Idee, es ist keine unmögliche Situation - die Entdeckung des Planeten Neptun ist ja zum Beispiel genau so abgelaufen, weil man seine Existenz aus Ungereimtheiten bei der Bewegung des Uranus abgeleitet hat. Aber man darf bei einer gute Ideen eben nicht aufhören. Sie muss erstens gut begründet sein und vor allem muss man die Gültigkeit der Idee überprüfen und - das ist der wirklich wichtige Punkt - das Ergebnis dieser Prüfung akzeptieren. Die Idee von Waltemath war für sich genommen nicht schlecht. Sie war außergewöhnlich und vielleicht ein klein wenig verrückt und man hat sie überprüft. Sie hat diese Prüfung nicht überlebt und Waltemath hätte das akzeptieren sollen, was er aber nicht getan hat. Stattdessen war er böse auf die "Herren Astronomen" und das ist leider die falsche Reaktion, zumindest dann, wenn man ernsthaft Wissenschaft betreiben will.

So wie Waltemath auf seiner Theorie beharrt hat, ist auch die Idee des zweiten Mondes geblieben. 1918 hat Walter Gornold behauptet, den zweiten Mond von Waltemath entdeckt zu haben. Gornold war aber kein Astronom sondern Astrologe und er hat den Mond "Lilith" genannt. Lilith, so Gornold, ist ein "dunkler" Mond und die meiste Zeit über unsichtbar. Aber natürlich wichtig für die Astrologie, weswegen dieses nicht-existente Objekt auch heute noch in diversen Horoskopen verwendet wird. 1926 war es ein dann deutscher Hobby-Astronom, ein gewisser Herr Spill, der einen zweiten Mond entdeckt haben wollte. Cuno Hoffmeister, damals Direktor der Sternwarte Sonneberg hat darüber in der Fachzeitschrift "Die Sterne" geschrieben und dabei auf die Thesen von Georg Waltemath verwiesen. Allerdings ohne dessen Namen zu nennen. Er schreibt, dass es vor einigen Jahrzehnten schon jede Menge Trubel mit Behauptungen über einen zweiten Mond gegeben hat, von einem "Dr. W aus Hamburg, dessen Name es nicht wert ist, aus der Vergessenheit gerettet zu werden". Ich hoffe, Cuno Hoffmeister ist nicht allzu böse über diese Folge…

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GeorgWaltemathannouncementofdiscoveryofsecondmoonof_earth.jpg

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