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Sternengeschichten Folge 690: Das Leben von Jürgen Stock, oder: Wie die Astronomie nach Chile gekommen ist

Shownotes

Sternengeschichten Folge 690: Das Leben von Jürgen Stock, oder: Wie die Astronomie nach Chile gekommen ist

Gut ein Drittel der globalen astronomischen Kapazität befindet sich in Chile. Das war zumindest im Jahr 2020 so. Mit den Teleskopen, die dort seit damals gebaut und geplant wurden, wird dieser Anteil um 2030 herum auf über 50 Prozent gestiegen sein. Das Land in Südamerika ist ohne Zweifel das astronomische Zentrum der Welt; zumindest wenn es um die Teleskope und die beobachtende Astronomie geht. Aber warum eigentlich? Warum stehen all die großen Observatorien genau dort? Das hat viele Gründe, aber einer davon ist auf jeden Fall die Arbeit des deutschen Astronoms Jürgen Stock.

Er wurde am 8. Juli 1923 in Hamburg geboren. Dass er irgendwann eine astronomische Karriere einschlagen würde, war damals natürlich noch unklar, aber seine Verbindung zu Süd- und Mittelamerika began schon in seiner Kindheit. Stocks Vater hatte ein Importgeschäft und die ganze Familie, inklusive dem dreijährigen Jürgen ist deswegen 1925 nach Mexiko gezogen. Als sechsjähriger ist Jürgen Stock nach Deutschland zurück gekehrt, um dort in die Schule zu gehen. Dort hat er sich durchaus schon für Naturwissenschaft interessiert, aber nach dem Abitur wurde er direkt vom Militär eingezogen und musste das letzte Jahr des zweiten Weltkriegs an der Ostfront in Russland verbringen. Als das endlich vorbei war, ging er von dort zu Fuß zurück nach Hamburg, schrieb sich an der Universität ein und arbeitete nebenbei im Hafen als Hilfsarbeiter. Sein Astronomie-Studium hat Stock im Jahr 1951 abgeschlossen, mit einer Doktorarbeit über Photometrie von Sternhaufen, betreut von Otto Heckmann, der in dieser Geschichte später noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Keine so große Rolle in dieser Geschichte wird übrigens Stocks eigentliche Forschungsarbeit spielen. Die hat er als Astronom natürlich gemacht; er hat sich mit Sternhaufen beschäftigt, mit hellen Sternen in den magellanschen Wolken, und so weiter. Aber das war nicht das, mit dem er die Welt der Astronomie so nachhaltig beeinflusst hat. Aber dass er das tun würde, hat Jürgen Stock damals selbst auch noch nicht gewusst. Im Nachkriegsdeutschland hat es kaum Stellen für einen jungen Astronom wie Stock gegeben, also er hat 1953 eine Position der Cleveland Astronomical Society in den USA angenommen. Die war allerdings nur für 2 Jahre befristet, nach denen er wieder zurück nach Hamburg ging. Sein Doktorvater, Otto Heckmann, hat ihn dann 1956 nach Südafrika geschickt, um dort als Direktor der Boyden-Sternwarte zu arbeiten. Die wurde schon 1889 von der Harvard Universität gegründet; ursprünglich in Peru, aber dann 1927 nach Südafrika verlegt, weil man dachte, dass das Wetter dort besser ist. So war es auch, aber in den 1950er Jahren gab es Probleme mit der Finanzierung. Ein paar europäische Länder, darunter Deutschland, sind eingesprungen und so ist Jürgen Stock nach Südafrika gekommen. Und ich erzähle das alles deswegen so ausführlich, weil es tatsächlich wichtig ist, wenn wir verstehen wollen, wie die Astronomie nach Chile gekommen ist.

Ungefähr zu dieser Zeit, im Januar 1954, haben sich Astronomen aus Belgien, Frankreich, West-Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Schweden getroffen. Sie wollten ein gemeinsame, europäische Sternwarte gründen und zwar auf der Südhalbkugel der Erde. Damals haben sich die meisten Observatorien immer noch auf der nördlichen Hälfte der Erde befunden, wo es zwar viel zu sehen gibt. Aber sehr viel eben auch nicht. Das Zentrum der Milchstraße kann man zum Beispiel nur von der Südhalbkugel aus ordentlich beobachten; ebenso die beiden Satellitengalaxien der Milchtstraße, die magellanschen Wolken. Und so weiter: Im Wesentlichen der halbe Himmel war für die großen Sternwarten nicht zugänglich. Natürlich gab es auch früher schon Teleskope im Süden und die standen vor allem in Südafrika. Schon 1820 hat die Royal Astronomical Society eine Sternwarte am Kap der guten Hoffnung eingerichtet; damals ja noch Teil einer britischen Kolonie. In der Umgebung der großen Städte Südafrikas gab es in den 1950er Jahren auch diverse andere Sternwarten - unter anderem das Boyden-Observatorium in Bloemfontein, wo Stock 1956 seine Arbeit begonnen hat. Es ist also nahe gelegen, dass sich die europäischen Ländern zuerst in Südafrika auf die Suche nach einem guten Platz für ihre gemeinsame Südsternwarte gemacht haben.

Jetzt aber wieder zurück zu Stock: 1958 wurde eine Stelle in Cleveland frei und er ging wieder dorthin zurück. Dort war er vor allem mit Unterrichten beschäftigt. Jürgen Stock muss ein guter Lehrer gewesen sein, denn die Studierenden haben protestiert, als er 1959 aus Cleveland weggeschickt wurde. Nicht, weil er schlechte Arbeit gemacht hat - im Gegenteil. Das Yerkes-Observatorium der Universität Chicago ist damals zu ein wenig Geld gekommen und wollte ein neues Teleskop bauen; auch auf der Südhalbkugel aber nicht in Südafrika, sondern in Chile. Gerard Kuiper, der Direktor von Yerkes, wusste, dass es da in Cleveland einen wirklich sorgfältigen Astronom gibt, der sich gut mit Teleskopen und Sternwarten auskennt und vor allem auch gut damit auskennt, wie man Helligkeiten misst und astronomische Fotografien macht. Oder anders gesagt: Er wusste, das Jürgen Stock ideal geeignet ist, um einen passenden Platz für die neue Sternwarte in Chile zu finden. Also hat er ihn genau damit beauftragt und 1959 hat Stock sich auf den Weg nach Chile gemacht.

Dass Chile prinzipiell ein guter Platz für astronomische Beobachtungen sein könnte, vorher schon klar. Man braucht klar, trockende Luft, stabiles Wetter und kein störendes Licht. Und genau das hat man in Chile. An der Pazifikküste im Westen fließt der Humboldstrom, eine Meeresströmung mit kaltem Wasser aus der Antarktis. Kaltes Wasser verdunstet nicht so schnell, deswegen gibt es weniger Wasserdampf und damit weniger Regen. Östlich von Chile befinden sich der Amazonas, der eigentlich recht feucht ist und nicht umsonst als "Regenwald" bezeichnet wird. Aber zwischen Amazonas und Chile befinden sich die Anden. Diese 9000 Kilometer lange und bis zu fast 7000 Meter hohe Gebirgskette ist quasi eine riesige Mauer, die den Regen aus dem Osten abhält. Von Westen, also vom Pazifik, kommt wegen des kalten Humboldstroms sowieso schon weniger Regen und dann gibt es auch noch das Cordillera de la Costa, also ein Küstengebirge, dass zusätzlich Regen von Westen abhält. Anders gesagt: Chile liegt zu einem großen Teil zwischen zwei Gebirgsketten, die keine Feuchtigkeit durchlassen und deswegen existiert dort die Atacama-Wüste, die nicht nur enorm trocken ist, sondern auch hochgelegen ist und viele Berge hat. Dort oben ist die Luft dünn, trocken und klar und rundherum gibt es wenig, was störendes Licht produziert.

Jürgen Stock ist also nach Chile gegangen, ins Umland der Hauptstadt Santiago. Dort sollte er drei potentielle Standorte untersuchen. Was er auch getan und sofort festgestellt hat: So toll sind die nicht. Also ist er ein Stückchen nach Norden gegangen, in den Region um die Stadt Vicuña um dort zu testen. Dort hat Jürgen Stock dann im April 1960 den Cerro Tololo gesehen und war sofort begeistert. Ein Berg, über 2000 Meter hoch, fast isoliert in der Landschaft, mit einem flachen Gipfel und ohne störende Zivilisation rundherum. Das müsste super sein für die Astronomie, aber ob es auch wirklich super ist, muss man erst messen. Und das ist nicht so einfach, wie man denken würde. Da kann man nicht einfach kurz mal nachschauen gehen - sondern muss über viele Nächte hinweg genaue Beobachtungen anstellen; Wetterdaten sammeln, Fotografien der Sterne machen, und so weiter. Und das alles in einer Gegend, in der es keine Straßen gibt oder sonst irgendeine Art von sinnvoller Infrastruktur.

Also hat Stock sich Maulesel besorgt und hat sich auf den langen und mühsamen Weg zum Gipfel gemacht. Und war beeindruckt, oder, in seinen eigenen Worten: „Die erste Nacht war so beeindruckend: eine vollkommen klare Nacht, absolut ruhig, mit einer angenehmen Temperatur – besser hätte es nicht sein können. Und außerdem war es in alle Richtungen vollkommen dunkel.“

Aber eine einzige tolle Nacht reicht natürlich nicht. Stock hat noch mehr und längere Messungen gemacht; Ausflüge und Messungen auf den Bergen in der Umgebung, und so weiter. Dabei war er auch nicht alleine, sondern hat sich vor allem von der lokalen Bevölkerung Rat und Unterstützung geholt. Denn wer weiß besser Bescheid, wie man in der unwirtlichen Gegend vorwärts kommt, als die Menschen, die dort leben? Wer weiß besser, wie das Wetter sich langfristig verhält, als die, die schon immer damit zu tun haben? Auf jeden Fall hat sich der erste Eindruck schnell bestätigt. Der Cerro Tololo war perfekt für die Beobachtung des Nachthimmels und aus einem weitestgehend unbekannten Berg in der chilenischen Wüste ist heute ein Ort geworden, den alle in der Astronomie kennen. Die Universität Chicago war so beeindruckt von Stocks Bericht, dass sie ihre ursprünglichen Pläne verworfen und gleich ein viel größeres Observatorium geplant haben. 1963 begann der Bau des Cerro Tololo Inter-American Observatory und Jürgen Stock war der erste Direktor und damit auch für den Bau verantwortlich. Aber mittlerweile hat er sich ja auch gut in der Gegend ausgekannt…

In der ganzen Zeit hat Stock aber auch immer Kontakt zu seinem Doktorvater Otto Heckmann gehalten. Der war mittlerweile Direktor der ESO, des European Southern Observatory beziehungsweise der Europäischen Südsternwarte. So hat man das Projekt der europäischen Staaten, die eine Sternwarte in Südafrika bauen wollte, nun genannt und Heckmann war schon kurz davor, die entsprechenden Verträge abzuschließen. Aber einerseits war Südafrika mit seiner Apartheidspolitik kein so verlockender Ort mehr wie früher. Und andererseits war Heckmann sehr beeindruckt von den Berichten die Stock aus Chile geschickt hat. Und 1963 hat sich die ESO dann deswegen entschieden, ihre Sternwarte ebenfalls in Chile zu errichten. Man hat zuerst überlegt, ob man das auch auf dem Cerro Tololo tun sollte, ist dann aber mit den amerikanischen Sternwarten übereingekommen, sich einen anderen Berg zu suchen. Den hat man auch gefunden, und zwar den Cerro La Silla.

Die La-Silla-Sternwarte. Das Paranal-Observatorium. Das Extremly Large Telescope auf dem Cerro Armazones. Das Gemini-Observatorium auf dem Cerro Pachón. Das Las Campanas Observatorium. Und so weiter. Chile ist heute voll mit den weltbesten Teleskopen und das Zentrum der beobachtenden Astronomie. Jürgen Stock hat zwar keine revolutionäre Entdeckung durch seine Erforschung von Sternhaufen und Sternen gemacht. Aber er hat die Astronomie dennoch bis heute nachhaltig verändert. Seine persönliche Geschichte war aber damit noch lange nicht zu Ende. Wie so oft in größeren Organisationen kam es zu einem Streit; Stock und das Konsortium amerikanischer Sternwarten, das mittlerweile für das Cerro Tololo Inter-American Observatory verantwortlich war, haben sich verkracht und er ging an die Universidad de Chile in Santiago, um dort zu lehren. Mittlerweile war er auch amerikanischer Staatsbürger, was im September 1970 zu einem Problem wurde. Da wurde nämlich Salvador Allende zum chilenischen Präsidenten gewählt und hat verboten, dass Ausländer an chilenischen Universitäten arbeiten. Jürgen Stock ging also nach Mexiko um dort beim Aufbau von Sternwarten mitzuarbeiten, und 1971 bekam er eine Nachricht aus Venezuela. Auch dort wollte man eine große Sternwarte in den Anden bauen und Stock sollte den Bau und später das Observatorium leiten. Was er auch gemacht hat: 1973 wurde das Centro de Investigaciones de Astronomía in der Nähe von Mérida unter seiner Leitung eröffnet. Dort starb er auch am 19. April 2004. Er hat die Astronomie in Südamerika maßgeblich beeinflusst und zum Teil wortwörtlich mit aufgebaut. Und er hat dafür gesorgt, dass die weltbesten Teleskope heute unter den bestmöglichen Bedingungen in Chile arbeiten können. Jürgen Stock ist bei weitem nicht so bekannt, wie es Johannes Kepler, Galileo Galilei, Edwin Hubble und so weiter sind. Aber auf seine Art hat er die Astronomie mindestens genau stark beeinflusst.

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